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Entsorgungskrise bei Dämmplatten: Bauherren droht Kostenanstieg

Seit Samstag (01.10.2016) gelten alte Dämmplatten aus Polystyrol in Deutschland als Sondermüll, weil sie mit dem Flammschutzmittel HBCD behandelt sind. Viele Entsorger verweigern die Annahme, Handwerker werden Verschnitt oder entferntes Altmaterial nicht mehr los. Die Folge: Bauherren drohen jetzt steigende Kosten und Verzögerungen ihrer Bauarbeiten.

Düsseldorf. Am vergangenen Samstag – dem 1. Oktober – ist die neue Abfallverzeichnisverordnung (AVV) in Kraft getreten. Sie macht Dämmplatten aus Polystyrol – besser bekannt unter dem Handelsnamen Styropor – zu Sondermüll, wenn sie HBCD enthalten. Hinter der Abkürzung verbirgt sich die Chemikalie Hexabromcyclododecan, mit der Dämmplatten für Gebäude behandelt wurden, damit sie nicht brennen. Anlass für die Neuerung war eine EU-Verordnung, die HBCD zu Sondermüll umdeklariert hat.

Die Folge der Neuregelung: Handwerker müssen ihren Styroporabfall ab sofort getrennt sammeln und als Sondermüll entsorgen lassen. Sei es Verschnitt von der Dämmung eines Neubaus oder bei einem Abriss oder Umbau obsolet gewordene Dämmungen. Diese Reste können jetzt nicht mehr auf Deponien entsorgt, sondern nur noch in einer Müllverbrennungsanlage verheizt werden. Viele Müllverbrennungsanlagen sind aber nicht in der Lage, den sehr heiß verbrennenden reinen Styroporabfall zu verwerten. Außerdem benötigen die Anlagen für die Verwertung eine spezielle Genehmigung, die nur mit großem Aufwand zu bekommen ist.

Dramatische Folgen für Bauherren

„Der Entsorgungsnotstand ist bereits eingetreten“, sagte Felix Pakleppa vom Zentralverband des Deutschen Baugewerbes gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Offenbar ist nur noch eine Hand voll Müllverbrennungsanlagen in Deutschland bereit, die Polystyrol-Abfälle anzunehmen. Längere Transportwege und eine durch die geringen Kapazitäten bedingte Zwischenlagerung treiben die Kosten in die Höhe: Inzwischen verlangen Entsorgungsbetriebe 7.000 Euro für die Verwertung von einer Tonne Styropor. Zum Vergleich: „Echter“ Sondermüll schlägt mit lediglich 2.000 Euro zu Buche.

Wegen des Entsorgungsproblems droht Baustellen jetzt ein Baustopp, warnt der Zentralverband des Baugewerbes und befürchtet Schäden in Millionenhöhe. Nicht nur für die Baufirmen, auch für die Bauherren ist das Problem daher äußert unbequem. Denn Bauverzögerungen kosten Geld – von den gestiegenen Entsorgungskosten für das Polystyrol ganz abgesehen.

Wie gefährlich ist HBCD wirklich?

Das Flammschutzmittel ist nach Angaben des Industrieverbands Hartschaum bis Ende 2014 eingesetzt und erst seitdem durch einen unbedenklicheren Stoff ersetzt worden. Das bedeutet, dass praktisch alle bislang verbauten Dämmplatten das problematische Mittel enthalten. Laut Medienberichten geht die Bundesregierung von 42.000 Tonnen entsprechend belasteten Abfalls im Jahr aus.

Grund für die Neueinstufung von HBCD ist die Langlebigkeit der Chemikalie: Sie kann sich bei Auswaschungen in Organismen anreichern und deren Fortpflanzung schädigen. Wer in einem Haus mit HBCD-haltiger Dämmung wohnt, hat aber laut Angaben des Bundesumweltamtes bei fachgerechter Anwendung nach aktuellem Kenntnisstand keine gesundheitlichen Auswirkungen zu befürchten. Bei einer Verbrennung in einer Müllverbrennungsanlage wird das Gift vollständig zerstört. Deswegen fordert die Baubranche jetzt, die Einstufung als Sondermüll wieder zurückzunehmen.

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